„Man freut sich den Ast ab!“

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Es gibt Momente, auf die man als Reiter lange wartet. Und wenn sie dann eintreffen, dann „freut man sich den Ast ab!“ Der erfolgsverwöhnte Christian Ahlmann, der im zarten Alter von 14 Jahren bereits das Goldene Reitabzeichen gewinnen konnte, meint damit nicht unbedingt das Kribbeln bei einem Sieg im Großen Preis, oder einen Heimsieg, weil „man zuhause ja immer am liebsten gewinnt!“ Er beschreibt das Gefühl, wenn er ein junges Pferd – bestenfalls selbst gezogen – zum ersten Mal unter dem Sattel sieht, wenn es die ersten Sprünge macht, wenn es sich in bestimmten Situationen klug verhält und dem Reiter den Eindruck vermittelt, dass es mal zu einem ganz großen Sportler reifen kann.

Beim Gespräch mit dem Weltklassereiter während des Riesenbeck International Indoors** stellt sich heraus, dass es selbst für den Springstallbetreiber mit großartiger Unterstützung von Sponsoren, unter anderen der langjährigen Mäzenin Marion Jauss, heutzutage fast unmöglich ist, fertige Grand Prix-Pferde zu kaufen. Die Zeiten haben sich geändert. Weltweit werden Springpferde gesucht und sehr teuer verkauft.

War es früher selbst mit einem guten Budget möglich, sich ein Pferd für den großen Sport zu kaufen, sei das jetzt unmöglich. „Das kostet Unsummen und ist einfach bekloppt“, urteilt der 43 jährige trocken.

Christian Ahlmann hat mit seiner Lebensgefährtin Judy Ann-Melchior aus dieser Not eine Tugend gemacht, vorhandene Kräfte gebündelt und schon vor Jahren eine Strategie entwickelt, die jetzt Früchte trägt. „Wir haben eine Breite bei den unter neunjährigen, die ist richtig gut,“ sagt der zweifache Europameister und lächelt vielsagend. „Da sind viele dabei, die Hoffnung geben“.

Die Konstellation könnte nicht besser sein. Hier die junge Besitzerin des berühmten Gestüts Zangersheide, die nach dem Tod ihres legendären Vaters Leon Melchior die Geschicke mutig in die Hand genommen und eine moderne Zucht von Sportpferden mit dem Brandzeichen „Z“ im Sinne hat – dort einer der absolut besten Springreiter der Welt.

Gemeinsam haben sie das Konzept erarbeitet, das vorsieht, mit im Sport etablierten Deckhengsten zu züchten und deren Nachkommen zu Spitzenspringpferden auszubilden. Das Ziel sei, noch besser zu züchten, die Pferde aus dieser eigenen Zucht noch jünger an die Hand zu nehmen, selbst auszubilden – und so mit Sportstall und Gestüt erfolgreich zu sein. Worauf es dem Marler ankommt ist, „Zeit lassen“.

Er kann es fast nicht sehen, wenn die „Szene-Experten“ an der Bande nach den teuer zu verkaufenden Jungtalenten Ausschau halten, „jeder mit drei Handys in der Hand“, und nach Pferden suchen, die keine Fehler machen dürfen, die bei jedem Sprung ausgereizt werden, weil sie sich ja bestens präsentieren müssen. „Wenn man fünfjährig schon jeden Sprung rausgedrückt hat, dann ist mit acht Jahren die Messe gesungen“, meint er bitter.

Er will den jungen Pferden erlauben, auch mal Fehler machen zu dürfen, spricht sich für ein normales Aufwachsen aus, dass es den Pferden ermöglicht, Erlebtes zu verarbeiten. Kurz: „Das Pferd muss schlauer werden“.  Ganz erfolgsorientiert will natürlich eine Leistung forcieren, aber wichtig ist ihm dabei, „die Balance zu halten“.

Der 1,90-Mann setzt sich nicht mehr auf ganz junge Pferde, höchstens er will mal selbst fühlen, wie weit die Leistungsbereitschaft und Ausbildung ist. Gemeinsam mit seinem Bereiter-Team wird individuell nach Pferd entschieden, ob sich nach einer guten Turniersaison, die dafür genutzt wird, die Pferde zu verbessern, vielleicht ein längerer Deckeinsatz wieder nützlich sein könnte.

Der Erfolg dieser Strategie zahlt sich aus: Vor wenigen Wochen gewann Christian Ahlmann bei den Weltmeisterschaften der Jungen Pferde in Zangersheide die Finals bei den Hengsten und bei den siebenjährigen Pferden. Emotional sei dies gewesen. Der neun Jahre alte Hengst Take a chance on me Z  ist ein Taloubet-Sohn und dessen Mutter  eine Aldatus-Stute. „Mit beiden Pferden haben Judy-Ann und ich schon internationale Erfolge gefeiert. 2015 war er noch zweiter bei der WM der sechsjährigen. Er deckte dann für kurze Zeit, wurde aus dem Deckeinsatz genommen und läuft jetzt im Sport.“

Mit Zampano Z, den er beim Turnier in Riesenbeck einsetzt, hat er ein Marler Eigengewächs unter dem Sattel. Der sieben Jahre alte Rapphengst von Zandor Z  ist bei Ahlmanns im Stall geboren, wurde als Dreijähriger gekört, aber von Christian als „unfertig“ befunden worden. Er kam zurück in den Springstall, wurde angeritten und langsam von der Bereiterin Angelique Rüsen an den Sport herangeführt. Der Chef hat ihn zu Beginn der grünen Saison übernommen. Bei der WM der siebenjährigen war Zampano im September in drei schweren Runden zweimal fehlerfrei, nur im Stechen hatte er einen Fehler. „Das war ein echter Höhepunkt in seiner bisherigen Laufbahn, den er absolut spitze bewältigt hat,“ lobt ihn sein Reiter.

In Riesenbeck wird deshalb wieder einen Gang zurückgeschaltet und Zampano Z darf in der Kleinen Tour gehen. Er macht das geschickt – und bleibt fehlerfrei. Christian Ahlmann grinst: „Das Schöne ist, es weiß trotz aller Strategie keiner, was aus so einem jungen Pferd einmal werden wird – auch wenn man alles richtig macht und ihm viel Zeit lässt.“In den allermeisten Fällen reicht es nicht in den ganz großen Sport. „Aber wenn es dann doch soweit kommt, ist es ein Gefühl, das nicht zu beschreiben ist!“, da ist sich Christian Ahlmann wieder sicher.

 

 

Foto: Eigene Zucht - ist ´ne Wucht! Christian Ahlmann und Zampano Z